ddahlke.de ·Momentaufnahmen ·Hauptstadt im Wandel


 Nach Freudentaumel folgte Alltag

  Hauptstadt Berlin: Heute Symbol für Überwindung der Teilung / Viele Lücken klaffen noch

  Berlin. Knapp drei Jahre ist der "Fall der Mauer" her, seit dieser Zeit wächst die alte und neue Hauptstadt wieder zusammen. An wohl keinem anderen Ort der Welt waren sich die beiden klassischen Machtblöcke so nahe. War die Stadt bis zum 9. November 1989 ein Symbol für die Teilung Deutschlands, ist sie heute Sinnbild der Überwindung derselben. Berlin hat sich verändert, am stärksten in den ehemaligen Ostbezirken.

  Rund 46 Kilometer Mauer trennten die Stadt 28 Jahre lang in Ost und West. Gleichzeitig riegelten 120 Kilometer Todesstreifen West-Berlin vom Umland ab. Seit der Öffnung der Grenze haben die Berliner gelernt, mit der Einheit zu leben, wie sie früher mit der Trennung lebten. Der Freudentaumel ist vorbei, längst hat der Alltag die Berliner wieder. Der Prozess des Zusammenwachsens aber bringt nahezu täglich Veränderungen und auch Probleme. Wie zu den Zeiten der Trennung reagieren die Berliner mit Flexibilität, Witz und Improvisationstalent.

Publikums-Magneten

  Ähnlich flexibel sind die Besucher. Wurden früher die Symbole der Teilung und ihre Folgen bestaunt, so sind es heute die Zeugen der Überwindung dieser Trennung, die die Massen anziehen. Reisegruppen und Schulklassen aus aller Welt pilgern immer noch zum Brandenburger Tor und zum ehemaligen "Checkpoint Charlie".

Trabbi
  Aufschwung Ost: Vielbelächeltes Symbol der Einheit zu vermieten. Die Reaktionen reichen von "Det muss ja nich sein" bis "Oh great, a Trabbi"

  Am schnellsten reagierten die Postkartenverlage und Souvenierhändler auf die neue Lage. Modell-Trabbis, Ostblock-Militaria, Mauerstückchen und alles, was mit "SED" oder "VEB" beschriftet ist, sind die Renner bei den Besuchern aus dem In- und Ausland, und auch immer noch oder wieder dem näheren oder ferneren Umland.

  Vorbei sind allerdings die Tage, als Sowjetsoldaten für ein paar Mark oder Zigaretten ihre Rangabzeichen oder Armbanduhren hergaben. Diese Andenken werden inzwischen für die Touristen produziert. Zumeist polnische Händler bestellen die Uniformen, Uhren und Orden über das russische Militär bei den Herstellern, die vorher für die Rote Armee fertigten. Kenner des Milieus behaupten, auf diesem Wege sei es auch möglich, Waffen und Gerät aus Beständen des alten Warschauer Paktes zu bekommen. Sicher - und von den Behörden bestätigt - ist ein Anstieg der Kriminalität im Ostteil der Stadt. Besonders die Zahl der Eigentumsdelikte und der Gewaltverbrechen sind in die Höhe geschnellt.

Notrufsäule
  Abgeklemmt: Der direkte Draht zur VP

  Ebenfalls auf nie gekannte Ausmaße zugenommen hat der Verkehr im östlichen Berlin. Immer mehr Autos fahren dort immer schneller. Gleichzeitig werden die Parkplätze knapp. Besonders in den Randgebieten gibt es dazu Probleme mit schlecht ausgebauten und unzureichend beleuchteten Straßen sowie Verkehrsleitkonzepten, die dem neuen Andrang kaum gewachsen sind.

Baustellen überall

  Deshalb muss Berlin, nicht nur um eine für die gesamte Stadt geltende Attraktivität zu erlangen, sondern um des Überlebens willen bauen. Nicht nur Verkehrswege, sondern vor allem Wohnungen, Geschäfte und Büros. Überall im ehemaligen Ost-Berlin sind Baustellen zu sehen. Ein gutes Beispiel ist die Gegend um den früheren Grenzübergang Bornholmer Straße in Pankow. Dort, wo Pankow und der Wedding aufeinandertreffen, werden gleichzeitig der S-Bahnhof erweitert und die Bornholmer Straße über mehrere Kilometer erneuert. Dem Alexanderplatz, früher Zentrum der "Hauptstadt der DDR". sollen neue Gebäude ein schöneres Gesicht geben. Um die Friedrichstraße streiten Investoren, Spekulanten und die Treuhand.

Berliner Mauer
  Internationales Kulturdenkmal: Restauriertes Teilstück der "Berliner Mauer" unweit des ehemaligen Checkpoint Charlie

  Im Bereich des Wohnungsbaus brennt den Berliner das Problem auf den Nägeln. Die Berliner Illustrierte "Zitty" nennt die Zahl von 250.000 Wohnungen, die neu gebaut werden müssen, um die besonders im Osten wachsenden Ansprüche, die Verluste an alter Bausubstanz und nicht zuletzt die schon jetzt bestehenden Defizite auszugleichen. Diese vom Senat errechnete Zahl bezieht sich auf den Zeitraum bis zum Jahr 2010. Die Wohnsilos in Marzahn und Springpfuhl, rund 300.000 Wohnungen, müssen dringend modernisiert werden. Vielfach müssen ganze Straßenzüge in Mitte, Friedrichshain und im Prenzlauer Berg saniert werden, um die Unbewohnbarkeit zu verhindern, sofern die Altbauten überhaupt noch zu retten sind.

East Side Gallery
  In Mitleidenschaft gezogenes Kult(ur)objekt: Die "East Side Gallery" in Friedrichshain

  Da auch im Westen Wohnraum fehlt und Modernisierungen nötig sind, ist ein Stadtentwicklungskonzept für die ganze Stadt erforderlich. Nicht zuletzt, um beide Teile Berlins sinnvoll zusammenwachsen zu lassen. Derzeit herrscht allerdings, glaubt man den Medien, ein einziges Planungschaos. Zugleich werden die Gerichte von einer Welle von Rechtsstreitigkeiten um Eigentumsansprüche überrollt. Keine Zeitung, kein Radiosender in Berlin ohne diese Themen.

S-Bahn-Netz geflickt

  Weitaus besser ist die Situation im öffentlichen Personennahverkehr. Das einst zerrissene Netz ist nahezu überall "geflickt". 1994 soll der gesamte S-Bahn-Betrieb von der Reichsbahn übernommen werden. Schon jetzt bedient das Unternehmen Linien im gesamten Stadtgebiet. Die alten Wagen werden ausgemustert und durch neue ersetzt. Es kann passieren, dass die Fahrt in einem alten "West-Wagen" unkomfortabler ist als in einem neuen DR-Zug. Auffälliges Merkmal der neuen Wagen ist, dass sie völlig frei von Werbung sind. Der Grund hierfür ist technischer Natur: Der Lack muss zwei Jahre aushärten, bevor Beschriftungen möglich sind, teilt die Pressestelle der Verkehrsbetriebe mit.

Mauern gibt es noch

  Eine negative Erscheinung der Einheit ist die Erhöhung der Beförderungstarife im Osten. Hier gibt es die Mauer noch, eingezeichnet in Pläne, und als Tarifgrenze bezeichnet. Westlich dieser Linie kostet die einfache Fahrt drei Mark, östlich davon ist der Preis von vormals 20 Pfennig auf 1, 80 Mark gestiegen. Zur nächsten Anhebung wird der Tarif im Westteil auf 3,20 Mark und im Osten auf 2,80 Mark steigen. Die Möglichkeit, in Weißensee oder Pankow gekaufte Fahrscheine auch in Tiergarten oder Kreuzberg zu benutzen, wird durch verstärkte Kontrollen zum Risiko. 60 Mark kostet jetzt jede Schwarzfahrt - in Ost wie in West.

Marx-Engels-Platz
  Vielleicht bleibende Spuren der neuen Vergangenheit

  Reibungslos klappte die Wiedervereinigung bei den Wasserstraßen. Minen und Grenzanlagen wurden entfernt, die Beschilderungen ergänzt, und heute bewegen sich Fracht- und Fahrgastschiffe ungehindert in und um Berlin.

Telekom holt nach

  Langsam kehrt der Alltag auch in die Nerven der Stadt, die Fernmeldeverbindungen, ein. Dunkelstes Kapitel war wohl die Zeit zwischen 1952 und 1971, als das Telefonieren von Ost nach West und umgekehrt nicht möglich war. Erst das Vier-Mächte-Abkommen ließ buchstäblich eine Handvoll Leitungen entstehen. Diese waren natürlich permanent überlastet, zudem wurden die Gespräche von der Staatssicherheit überwacht.

  Zum Zeitpunkt der Maueröffnung lagen beim Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR rund 165.000 Anträge auf einen Telefonanschluss auf Halde. Diese Warteliste soll bis 1994 abgebaut sein. 1991 hat die Telekom, seit dem 1. Februar zuständig, 42.000 Anschlüsse fertiggestellt. Zum Vergleich: In der ganzen DDR kamen pro Jahr nur etwa 5.000 neue Anschlüsse zustande.

Thälmann-Denkmal
  Thälmann-Denkmal im Prenzlauer Berg, im Hintergrund die nach ihm benannte Mustersiedlung

  Bei den für dieses Jahr geplanten 70.000 Neuanschlüssen haben Geschäftskunden nach Auskunft der Telekom Vorrang. "DAL" heißt für sie das technische Zauberwort bei der Verwirklichung dieses Ziels, denn die meisten bestehenden Leitungen seien schlicht unbrauchbar. "DAL" steht für "Drahtlose Anschluss-Leitung" als Funkbrücke. Nach Bedarf eingesetzt, können sie nach Errichtung neuer Leitungen an den nächsten Engpass verlegt werden. Ein flexibles Provisorium, von dem zunächst die vielen Versicherungsagenturen, Videotheken und Autohändler profitieren. Die Privatkunden müssen erst einmal warten. Ein schwacher Trost für sie, dass nicht nur Leitungen und Vermittlungen ausgetauscht werden, sondern auch die öffentlichen Telefone. Zu DDR-Zeiten gab es davon mehr pro Einwohner als im Westen. Ein Ausgleich für die fehlenden Hausanschlüsse. Die oft an Hausecken zu findenden Apparate werden aber nicht nur ersetzt, sie werden auch an Standorte verlegt, an denen sie besser einzusehen sind. Eine Reaktion auf den zunehmenden Vandalismus im Ostteil, der langsam West-Niveau erreicht. Die erste technische Neuerung an den alten Fernsprechern war allerdings die Umrüstung der Münzkanäle auf D-Mark.

Telefonieren wird einfacher

  Ein großer Fortschritt war die im Juli gestaltete Umstellung auf die nun für ganz Berlin gültige Vorwahl 030. Der nächste Schritt erfolgte jetzt Anfang September. Von allen 1,8 Millionen Hauptanschlüssen in der Stadt gelten die gleichen Vorwahlnummern in alle Bundesländer. Wurde vorher beispielsweise von Charlottenburg die 023 gewählt, erreichte man Dortmund, von Treptow aber mit dieser Vorwahl "nur" Potsdam. All diese Neuerungen verändern das Gesicht der Stadt, am meisten in den östlichen Stadtteilen. Plakate und Leuchtreklame, Schilder und Dekorationen haben die Wände, Dächer und Schaufenster erobert. Knallfarben statt blassblau, "GmbH" statt "VEB". Am "Alex", wo früher das "Neue Deutschland" auf sich aufmerksam machte, wirbt heute der "Tagesspiegel". Satellitenschüsseln, Kebabbuden, Graffiti und Mountainbikes sind nur einige Symbole der neuen Produkt- und Meinungsvielfalt.

demontiertes Staatssymbol
  Palast der Republik: Hammer und Zirkel demontiert, Ährenkranz gerupft

Nahtlose Übergänge?

  Die Symbole des alten Staates und der Teilung hingegen sind größtenteils entfernt. Die wenigen Reste wirken jetzt schon fremd. Seien sie bewusst erhalten, wie an der Bernauer Straße oder am ehemaligen Grenzübergang Friedrichstraße, oder eher zufällig, wie am alten Kontrollpunkt Drewitz-Dreilinden. Es kann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis beide Teile Berlins, zumindest oberflächlich, nahtlos ineinander übergehen. Der Hauptstadt-Status dürfte diesen Vorgang beschleunigen. Schon zu Zeiten der DDR ging es der Hautstadt in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht besser als dem Rest der Republik. Jetzt richtet sich das Augenmerk wieder auf Berlin, anstelle der "Insel-Vergünstigungen" treten die Privilegien einer Hauptstadt. Inwieweit sie ausreichen, die alten und neuen Probleme zu lösen, und welche neuen Herausforderungen sich ergeben, wird die Zeit zeigen.


David Dahlke ~ September 1992 - Photos 1992, 1993
Nischt is mehr wie es war: Zur Orientierung findet sich bei der FU Berlin eine Liste der Umbenennungen Berliner Strassen, Plätze, Bahnhöfe
Berliner Stadtgeschichte pur hat der Luisenstädtische Bildungsverein auf "Luise Berlin" dokumentiert
  Daten, Fakten, Bilder, Texte und persönliche Erinnerungen zum Thema Deutsche Demokratische Republik findet man über die "DDR-Suche"

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  © Februar 2006 ·