ddahlke.de ·Momentaufnahmen ·Das Olympische Dorf von 1936


 Von außen so unauffällig wie andere Kasernen

  Das Olympische Dorf von 1936 verfällt / Hürden vor ziviler Nutzung

  Dallgow/Döberitz. Die Metropole scheint weit entfernt. Das Straßenbild unterscheidet sich nicht von dem anderer kleiner Orte in der Ex-DDR. Inmitten einer typischen märkischen Landschaft liegt fünf Kilometer westlich von Berlin das "Olympische Dorf" der Sommerspiele von 1936. Von der Wehrmacht gebaut, nach der Olympiade auch von ihr genutzt, blieb es eine Kaserne: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Dallgow sowjetischer Militärstützpunkt. Heute, nach dem Abzug der "Westgruppe", liegt das Gelände brach.

  1993 ist Dallgow eine brandenburgische Gemeinde mit rund 3.250 Einwohnern. Ursprünglich hatte der Ort mehr Bürger. In der Zeit vor 1961 suchten viele von ihnen den nahen "Westen". Nicht wenige kommen heute wieder: 60 Prozent Restitutionsansprüche liegen auf der Gemeinde. Das heißt, mehr als die Hälfte der Dallgower lebt in "fremden" vier Wänden. 1995, wenn auch in den neuen Länder wegen Eigenbedarfs gekündigt werden darf, kommt wohl für die meisten von ihnen das "Raus".

  Das befürchtet zumindest Hans-Jürgen Denk, Bürgermeister des Ortes. Auch er kannte das Olympische Dorf wie die meisten Dallgower nur "vom Vorbeifahren". Es ist von außen genauso unscheinbar wie andere Kasernen. Die Geschichte der Anlage begann weit vor 1936. Bei den Zwischenspielen 1906 in Athen wurde zum ersten Mal der Versuch gemacht, die Olympioniken gemeinsam in einer Art Lager unterzubringen. In Los Angeles 1932 schließlich setzte sich die Idee eines "Dorfes" durch. Von nun an sollte an die Tradition der klassischen Olympiade angeknüpft werden.

Sollte billiges Massenquartier sein

  Beim olympischen Kongress 1930 in Berlin waren die Weichen für das Olympische Dorf von Los Angeles gestellt worden. Die deutschen Sportler studierten in Kalifornien sehr genau, was sie vorfanden. Für die XI. Sommerspiele wurden sie darum zu wertvollen Beratern bei der Planung.

Historische Luftaufnahme
  Historische Aufnahme: Der Blick ins Dorf aus der Luft. Zu sehen sind das auch "Speisehaus der Nationen" genannte Hauptwirtschaftsgebäude und einige Unterkünfte. (Repro, Original bei der Gemeindeverwaltung Dallgow/Döberitz)

  Anfangs dachte man allerdings weniger an einen Neubau. Gesucht wurde ein billiges Massenquartier. Schon bald zeigte sich allerdings, dass man um ein eigens gebautes Lager nicht herumkommen würde. Auf Anregung des sportbegeisterten General von Reichenau wurde das Gelände nördlich der "Hamburger Chaussee", der heutigen B5, ausgewählt. Hier stampfte die Wehrmacht in weniger als zwei Jahren auf über 50 Hektar Fläche das Dorf aus dem Boden. Die Planung lag in den Händen von Professor Werner March, der zuvor schon das Olympiastadion entworfen hatte. Er versuchte, den natürlichen Charakter der Landschaft zu erhalten. Zum Beispiel wurden Uferlinien von Teichen und Bachläufen nicht begradigt. Auch heute noch wirkt das Gelände idyllisch.

Der Innenhof des Hauptwirtschaftsgebäudes
  Blick in den Innenhof des Hauptwirtschaftsgebäudes, Küche, Kantine und Versorgungszentrum des Olympischen Dorfes

  Rund 160 Gebäude wurden errichtet, davon 140 Wohnhäuser mit jeweils acht bis zwölf Appartements. Immer zwei Athleten hatten ein Wohn- und Schlafzimmer zur Verfügung. Wohlbemerkt: Athleten. Zwar war Jesse Owens hier untergebracht, doch die Leichtathletin Hedwig Weiß oder die Schwimmerin Magda Lenkei nicht. Das Dorf war den männlichen Sportlern vorbehalten.

  Auch die Kanuten und die Ruderer kamen nicht nach Döberitz. Sie wohnten nahe dem Wettkampfort Grünau an der Ostsee. Obwohl somit das Dorf gar kein "Dorf für alle" werden sollte, zeichnete sich schon bald ab, dass die gerade entstehenden Kapazitäten nicht ausreichen würden. So gliederte man die angrenzende Kaserne einer Fliegerabwehr-Einheit an. Hermann Göring, damals Luftfahrtminister, machte es möglich. 1.180 Sportlern bot dieser Bau Platz. Damit waren in Döberitz mehr als 4.000 Athleten zu Gast.

Ehemals ein Speisesaal für die Athleten
  Einst speisten hier Sportler und Funktionäre: Einer der Speisesäle im Hauptwirtschaftsgebäude

  Am 1. Juli 1936 übergab die Wehrmacht das Dorf an das Olympische Komitee. Die Spiele begannen am 1. August. Bereits am 20. Juni traf als erste die japanische Mannschaft in Berlin ein und wurde in Döberitz einquartiert. Der Rummel um Zeiten, Distanzen und Medaillen dauerte bis zum 16. August.

Solden lösten die Athleten ab

  Nach den Sportlern kamen die Soldaten. Dem Planspiel "friedlicher Wettstreit der Nationen" folgte drei Jahre später blutiger Ernst. Nach dem Ende des Infernos gab es zwar keine Wehrmacht mehr, wohl aber militärische Verwendung für das Gelände direkt an der Döberitzer Heide, dem ältesten Truppenübungsplatz Deutschlands. Wo einst die Truppen Friedrichs des Großen "Hauen und Stechen" übten, quälten sich bald sowjetische Tanks durch die Landschaft.

  Den veränderten politischen Verhältnissen folgend verließen im Herbst 1991 die ersten Angehörigen der dort stationierten Panzer-Einheit die geschichtsträchtige Kaserne. Zu dieser Zeit betrat Hans-Jürgen Denk zum ersten Mal den damaligen militärischen Sicherheitsbereich. Sofort erhob er beim Bund Anspruch auf die von den Sowjets erbauten Häuserblocks. "Mindestens sollten sie vor Verfall, Witterung und Vandalismus geschützt werden." In den 60er Jahren, und nochmal 20 Jahre später hatte die "Westgruppe" Plattenbauten errichtet. Der Großteil des Olympischen Dorfes war zu diesem Zeitpunkt schon verfallen, die älteren Plattenbauten waren instandsetzungsbedürftig. Aber die in den 80ger Jahren entstandenen Häuser waren nahezu bezugsfertig. Es wurde Frühjahr 1993, bis die letzten Soldaten den Standort verlassen hatten. Das Olympische Dorf wurde "Konversionsfläche", so lautet die offizielle Bezeichnung für ehemals sowjetisch genutzte Liegenschaften. Eigentümer wurde das Bundesfinanzministerium.

  Von den ursprünglichen Bauten stehen heute noch das Hauptwirtschaftsgebäude, das kulturelle Zentrum "Haus Hindenburg", die Sporthalle, die Schwimmhalle sowie neun der Unterkunftshäuser. Jedes dieser Häuser trug den Namen einer deutschen Stadt, aber das "Haus Minden" zum Beispiel steht nicht mehr. Die schon damals zahlreichen Birken haben sich ungehindert ausgebreitet, durch die asphaltierten Wege bricht Gras und Löwenzahn. Was die Sowjets nicht für ihre Zwecke nutzten, ließen sie verfallen.

Unterkunftsgebäude
  Jedes dieser Häuschen trug den Namen einer deutschen Stadt. Heute sind die Fenster vernagelt oder zugemauert und Birken erobern das Areal

  Trotzdem bekundet Denk großes Interesse: "Da standen plötzlich 650 Wohnungen in meiner Gemeinde leer." Zwar ziert seinen Schreibtisch ein "Olympia-Berlin-2000"-Wimpel, doch liegt ihm der Gedanke an ein neues Olympisches Dorf in Dallgow fern: "Einige wenige hier am Ort mögen das anders sehen, aber das wäre ein Prestigeobjekt. Was wir hier dringender brauchen ist Arbeit und ein Dach über dem Kopf." Außerdem hält er den Ort für politisch belastet. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einziger jüdischer Sportler hier ein Quartier beziehen würde."

Zeitbombe im Boden?

  Doch auch die Idee, nach den Soldaten einfach Zivilisten einziehen zu lassen, läßt sich nicht so einfach umsetzen. Zum einen verlangen ehemalige militärische Objekte vor einer weiteren Nutzung nach einer Untersuchung auf Schadstoffe. Versickerte Treibstoffe, Munition, eventuelle Spuren von Kampfstoffen. All dies könnte eine Zeitbombe sein. Für die Gemeinde Dallgow/Döberitz betragen allein die Kosten für diese Untersuchungen 1,8 Millionen Mark. Weitere Hürde auf dem Weg zu einer zivilen Nutzung scheint, wie so oft, die Bürokratie zu sein. Nutzungskonzepte müssen erarbeitet, diskutiert und genehmigt werden.

Historische Aufnahme vom Gelände
  Schon damals gehörten Birken zum Erscheinungsbild des Dorfes. Im Hintergrund das Hauptwirtschaftsgebäude (Repro, Original bei der Gemeindeverwaltung Dallgow/Döberitz)

  Währenddessen nagt der Zahn der Zeit an den Bauten. Was vor kurzem noch bezugsfertig war, hat heute Rohbaustatus. Die "Gussen" haben zwar einiges mitgenommen, aber nach ihnen kamen Wind, Wetter, Plünderer und Vandalen. Der vom Bund beauftragte "Wachschutz" konnte nicht verhindern, das Installationen, Fensterbänke und Geländer abmontiert und gestohlen wurden. Zerbrochene Fensterscheiben, leere Rotweinflaschen und Graffiti zeugen von spontanen Besuchern.

Die Schwimmhalle ist nur noch eine Ruine

  Abriss, Denkmalschutz, Umbau, Instandsetzung... Mit diesen Möglichkeiten beschäftigt sich auch die Firma "Sahle" aus Greven. Die Baubetreuungsgesellschaft ist ein Unternehmen mit "Ost-Erfahrung", das an zahlreichen Projekten des öffentlich geförderten Wohnungsbaus in den neuen Ländern beteiligt ist. Laut Sahle könnte noch in diesem Jahr begonnen werden, das Gelände als Siedlung vorzubereiten. Ihre Vorstellungen beinhalten auch Kneipen, eine Schnellreinigung, vielleicht ein Kino.

Nur noch eine Ruine: Die Schwimmhalle
  Aus der Traum vom Gemeindebad: Die Schwimmhalle ist nur noch eine Ruine

  Das Bundesfinanzministerium wollte das Gelände an das Grevener Unternehmen verkaufen, berichtet Denk. Doch die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) erhob Einspruch, weil ihr der angebotene Kaufpreis als zu niedrig erschien. Daraufhin schlug der Bund der LEG vor, das Areal für 35 Millionen Mark selbst zu übernehmen. Doch dazu hat sich die LEG bisher nicht geäußert, erläutert der Bürgermeister die Vorgänge. So ist noch völlig offen, was aus dem ehemaligen Olympischen Dorf wird. Der Traum einer eigenen Schwimmhalle wird sich für die Dallgower dabei wohl nicht nicht erfüllen: Die ist nur noch eine Ruine.


David Dahlke ~ September 1993
Wie es heute in Dallgow-Döberitz aussieht, kann man auf den Webseiten der Gemeinde Dallgow sehen.
   Die Interessengemeinschaft für historische Militär-, Industrie- und Festungsbauten hat unter dem Titel "Ehemaliges Olympisches Dorf Elstal" ein umfassendes, aktuelles und reich bebildertes Dokument ins Netz gestellt.
   Der Verein Historia Elstal engagiert sich vor Ort und bietet Rundgänge durchs "Dorf" an.
   Unter http://www.olympisches-dorf.de/ stellt die "Deutsche Kreditbank", Eigentümerin des Areals, die Anlage und ihre Geschichte vor.

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  © April 2008 ·