ddahlke.de ·Momentaufnahmen ·Außenlager Porta Westfalica


 Hohle Berge

  Zwangsarbeit in der Westfälischen Pforte

  Porta Westfalica. "Am Horizont zeigten sich Berge. Bevor wir aber an diese herankamen, hielten wir im malerischen Minden, dessen Panorama an unser Krakau erinnerte. Man lud uns auf dem Güterbahnhof eines kleinen Städchens mit dem merkwürdigen Namen Porta Westfalica aus."

  Als der Pole Wieslaw Kielar im November 1944 diese Zeilen schrieb, gab es allerdings noch keine Stadt mit dem Namen Porta Westfalica. Wohl aber hieß so ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Gelegen am Durchbruchstal der Weser zwischen Wiehen- und Wesergebirge waren im Frühjahr 1944 drei Lager, der sogenannte "Stützpunkt Porta Westfalica des Konzentrationslagers Neuengamme" errichtet worden, um den Arbeitskräftebedarf in den Portaner Rüstungsbetrieben zu decken.

Stadt, Land, Fluß

  Wer über die Bundesautobahn 2 an Kleinstädten vorbei, den Fluß entlang über Land fährt, kann zwischen dem nordrheinwestfälischem Herford und dem niedersächsischen Bad Eilsen den Weserdurchbruch sehen, durchqueren läßt sich die "Westfälische Pforte" auf der Bundesstraße 428 oder der Bahnlinie Löhne-Minden. Links auf dem Wittekindsberg steht ein weit über die Region hinaus bekanntes Denkmal für Kaiser Wilhelm I, rechts auf dem Jakobsberg steht ein Fernmeldedeturm, der im Mindener Raum für Rundfunk- und Fernsehempfang sorgt. Die beiden Erhebungen und ihre Bauwerke bilden auch das Logo, mit dem die Stadt Porta Westfalica für sich wirbt. Man sieht es ihnen aber nicht an, und liest es auch in keinem Prospekt, das sie nahezu hohl sind.

Zugang zu den Anlagen
  Zeitgenössische, möglicherweise heimliche Aufnahme: Eingang zum "Denkmalstollen" im Wittekindsberg (Repro, Original bei der Stadt Porta Westfalica)

  Sowohl das Wiehen- als auch das Wesergebirge sind hier ganz und gar durchzogen von einem unterirdischen System von Gängen, Speichern und Produktionshallen. In den Boden getrieben wurden diese Anlagen erst kurz vor dem Ende des Dritten Reiches. Die in ihrer Zahl zunehmenden und in der Wirkung stärker werdenden alliierten Luftangriffe trafen nicht nur Städte, Bevölkerung und Verkehrswege, sondern auch die Industrie, besonders die Rüstungsindustrie. Der Krieg war schon längst Alltag. Verzicht, Verlust und Bedrohung zur Normalität geworden, aber die Kriegsmaschinerie sollte in Gang gehalten werden. In den letzten beiden Kriegsjahren wurde das Reich beinahe täglich kleiner, die Luftangriffe trafen immer häufiger wichtige Regionen, die Produktionsausfälle stiegen rapide. Abhilfe sollte unter anderem die Dezentralisierung der Produktionsstätten schaffen. Die Verbesserung von Tarnung und betriebseigener Luftabwehr waren weitere Punkte. Als dies, teilweise wegen schleppender Durchführung, nicht die gewünschte Wirkung zeigte, beschloss man auf Reichsebene, besonders gefährdete Fertigungen unter Tage zu verlegen. An verschiedenen Orten des Rest-Reiches wurde damit begonnen, ausgediente Bergwerke und Steinbrüche auszubauen. So auch in Porta Westfalica, wo sich stillgelegte Sandsteinbrüche befanden.

Bergmänner und SS-Leute

  Im März 1944 begannen einheimische Bergleute und, so die Vermutung, Angehörige der "Organisation Todt" mit dem Ausbau der Sandsteinbrüche im Jakobsberg, dem Ausläufer des Wiehengebirges. Um die selbe Zeit trafen die ersten Häftlinge aus dem thüringischen Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar in Porta Westfalica ein. Im Jakobsberg entstanden im Laufe des Jahres 15.000 Quadratmeter unterirdischer Produktionsfläche. Zwei voneinander unabhängige Stollensysteme wurde erschlossen. Das obere war für die Fertigung von Flugzeugen gedacht, und sollte auch noch einen Teil der Phillips-Röhrenwerke aufnehmen. Im unteren sollte später eine Ölraffinerie Platz finden.

  Diese Raffinerie hieß in der Planung "Dachs I" und wurde auf eine Produktionsmenge von 4.000 Tonnen pro Monat ausgelegt. In den erhaltenen Unterlagen der Organisation Todt wird die Anlage dann aber "Para" genannt, und überhaupt stößt man bei der Aufarbeitung des Themas über 45 Jahre danach auf einen Wust von Doppelbezeichnungen, widersprüchlichen Planungen, Spuren von Machtkämpfen in der Hierarchie und nicht zuletzt beabsichtigten Verschleierungen sowie das große Vergessen.

Plan der Anlagen
  Plan der verbunkerten Raffenerie in der Porta Westfalica

  Anfang Mai 1944 ging die Kriegswaffenschmiede auch auf der anderen Seite der Weser unter die Erde. Hier im Berg unter dem Denkmal sollte die Herstellung von Spezialkugellagern für die Luftwaffe, sowie Teilen von Handgranaten und panzerbrechenden Waffen vor den vordringenden Alliierten in Sicherheit gebracht werden. Der sogenannte "Denkmalstollen" entstand. Dessen 5.320 Quadratmeter Gesamtproduktionsfläche verteilen sich auf vier Stockwerke und wurden als "Stöhr II" in den Plänen geführt.

  Weitere, wenn auch weniger spektakuläre Erdbauten finden sich in den Ortsteilen Häverstädt, Nammen und Kleinenbremen. Grundlage sind hier Eisenerzgruben.

  Und da zwischen dem östlichen Stollen "Elritze II", bekannt auch als Schermbecker Stollen, und der Porta Westfalica der Rohstoffabbau zugleich und auch später wieder weiter betrieben wurde, gleicht das Wesergebirge dort heute auf einer Länge von zehn Kilometern eher einem Schweizer Käse als einer Wand aus Stein. Aber erst in jüngster Zeit gibt es verstärkte Bemühungen, das Ausmaß der Aushöhlung festzustellen und publik zu machen.

Wochenlang kein Tageslicht

  All diese Anlagen verschlangen schon in der Ausbauzeit gewaltige Mengen von Arbeitskräften. Die teilweise verschütteten Stollen wurden freigelegt, Stützkonstruktionen errichtet und Zufahrtswege angelegt. Selbst für die Auftragsarbeiten der heimischen Unternehmer wie Elektrifizierung und Belüftung waren nicht genügend Arbeitskräfte vorhanden. Und mit der Aufnahme der Produktion sollte der Bedarf weiter steigen. Um diesen stetigen Nachschub an Menschenmaterial zu sichern, wurde das architektonisch durchaus beeindruckende Bauvorhaben Porta direkt an ein Konzentrationslager angeschlossen. Ein Konzentrationslager, das zwar weniger bekannt ist als Auschwitz oder Dachau, aber nicht weniger grausam für seine Insassen war. Das Portaner KZ unterstand dem bei Hamburg gelegenen Lager Neuengamme, dem größten in Norddeutschland. Drei Außenlager gehörten in dieser Region dazu: Barkhausen, Neesen/Lerbeck und Hausberge. Insgesamt wurden 4.000 Männer und Frauen unterschiedlicher Nationalität, darunter Dänen, Ukrainer und Italiener beim Ausbau der Rüstungswerke Porta eingesetzt. Die Bewachung war Aufgabe der SS, die Arbeitsbedingungen waren sehr schlecht. Viele der Häftlinge bekamen wochenlang kein Tageslicht zu sehen: Noch bei Dunkelheit verließen sie das Lager und kehrten erst nach Sonnenuntergang von ihrem unterirdischen Arbeitsplatz zurück. An einigen Projekten wurde auch 24 Stunden am Stück gearbeitet.

  Mangelhafte Ernährung, Überarbeitung und schlechte medizinische Versorgung setzten den Häftlingen hart zu. Wer nicht mehr zur Arbeit taugte, wurde nach Neuengamme oder Bergen-Belsen geschickt. Vor Ort starben 40 Zwangsarbeiter in den Stollen, und rund 700 in den Lagern. Da Porta Westfalica nicht über ein Krematorium verfügte, wurde die Toten auf den Barkhauser Friedhof beerdigt; dabei kamen zwei bis drei Leichen in eine Holzkiste.

Kein organisierter Widerstand

  Widerstand in größerem Umfang blieb im Portaner KZ aus. Abgesehen von "Langsamarbeiten" blieb es bei der illegalen Nahrungsbeschaffung und der verbotenen Weitergabe von Nachrichten. Außerdem sind 25 erfolgreiche Fluchtversuche bekannt. In einigen Fällen haben Häftlinge unter Einsatz ihres Lebens Messapparate und Präzisionswerkzeuge beschädigt. Gezielte Aktionen konnten aber nicht zustande kommen, da es in den Lagern keine organisierte politische Opposition gab.

  Am 1. April 1945, als amerikanische Truppen Bad Oeynhausen und Minden erreicht hatten, lief die Räumung des Rüstungsprojekts Porta an. In Viehwaggons ging der Transport über Minden, Hannover und Braunschweig. Dort teilte er sich in Richtung verschiedener KZs auf. Viele der Geschwächten und Gepeinigten überlebten diese Transporte nicht.

Versuchte Sprengung
  Nach Kriegsende versuchten die Briten, die Anlagen im Wittekindsberg und das "Porta-Denkmal" zu sprengen. Der "Wilhelm" blieb stehen, das Gelände ringsum wurde weitgehend zerstört (Repro, Original bei der Stadt Porta Westfalica)

  Am 3. Mai 1945 kamen die amerikanischen Truppen am Weserdurchbruch an. Die verbunkerte Raffinerie "Dachs I" war zu 80 Prozent fertiggestellt. Keine der Produktionsanlagen in den Stollen der Porta Westfalica hatte den Betrieb aufgenommen. Nach Inspektion und Demontage wurden die Stolleneingänge durch Sprengungen verschlossen oder zugeschüttet. Dabei musste trotzdem für eine ausreichende Bewetterung und Durchlüftung der hohlen Berge gesorgt werden, da sie sonst einstürzen könnten. Seit dieser Zeit stehen die Stollen leer. Nutzungsideen wie ein 3.500 Tonne fassendes Kühlhaus für die Bundeswehr oder ein Mini-Kernkraftwerk wurden wieder verworfen. In den Jahren 1981/82 versuchte die Stadtverwaltung von Porta Westfalica Führungen in den Stollen zu veranstalten, stieß aber auf den Widerstand der Landesregierung in Düsseldorf.

Reste der Anlagen
  Reste der nie fertig gestellten Anlagen: Tanks für Treibstoff auf dem Jakobsberg

  So ist eine Besichtigung der Anlagen zur Zeit nicht möglich. Sichtbar sind allein noch die auf dem Jakobsberg verteilten Überreste der riesigen Tanks, die für die Schmierstoff-Lagerung gedacht waren.


David Dahlke ~ April 1991
Bergbau - Minden "Die Bergbau Community im Web für das Mindenerland" informiert ausführlich über die Untertage-Szene in und um "MI"
   Die Gedenkstätte des KZ Neuengamme veranstaltet regelmäßig Führungen, Ausstellungen und Aktionen zum Lager, den Außenlagern, Aufarbeitung und Versöhnungsarbeit.

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