ddahlke.de ·Momentaufnahmen ·Villen-Viertel Potsdam-Babelsberg


 Von den Stars blieben die Villen

  Eindrücke aus dem einstigen Nobel-Viertel Potsdam-Babelsberg

  Potsdam. "Zur Straßenseite nicht zu protzig", bestimmte Kaiser Wilhelm I, "damit das Volk nicht unruhig wird". So lautete die knappe Bauordnung für die Villenkolonie Neubabelsberg, die in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hinter Schloss Babelsberg, direkt am Griebnitzsee, entstand. Dieses ehemalige, heute etwas bröckelige Nobel-Viertel gibt sich immer noch schlicht, oft versteckt hinter hohen Hecken.

  "Stalin, Stars und Stasi" hat das Unternehmen "Stadtreisen Potsdam" seinen nostalgischen Sightseeing-Rundgang durch die ehemalige Siedlung der Stars und Sternchen des deutschen Films betitelt. Dies ist übrigens nur eine von etwas 15 Touren zu verschiedenen geschichtlichen und architektonischen Themen, die der nach der Wende gegründete Verein anbietet. Die Geschichten und Histörchen zu dem ständig ausgebuchten, zweistündigen Neubabelsberg-Rundgang hat Fritz Frost in mühevoller Kleinarbeit zusammengesammelt. Vor der Wiedervereinigung war er Produktionsassistent bei der DEFA. Sein Interesse am Thema ist also zum Teil berufsbedingt.

Viele Geschichten bleiben weiter ein Geheimnis

  Mit dem Fall der Mauer hatte er dann endlich die Chance, sich in diesem Viertel genauer umzusehen. Doch alles erfährt er darum immer noch nicht über die Gebäude und ihren früheren Besitzer oder heutigen Bewohner. "Viele Unterlagen sind in den Kriegsjahren verschwunden", erzählt Frost von seinen Nachforschungen. Bei einigen Objekten gibt es widersprüchliche Angaben. So schreibt Magda Schneider zum Beispiel in ihrer Biografie, dass sie sich in Neubabelsberg immer sehr wohlgefühlt hat, weiß Frost. Ihr Name taucht jedoch in keinem Grundbuch auf. Über 100 Jahre lang hat hier jede Ära der deutschen Geschichte ihre Spuren hinterlassen. Lang ist die Liste der Namen, die hier durch die Häuser verewigt sind. Die Gebäude stehen alle noch. Zum Bedauern vieler Stadtrundgänger bleibt aber oft nur der Blick auf die Fassaden, das Innere ist ihren Augen verborgen.

  "Schlossnähe hieß Kaisernähe", erklärt Frost den Besuchergruppen. Zumeist Industrielle, Bankiers, Künstler und Wissenschaftler genossen diese Atmosphäre der heute noch spürbaren Stille. Unter ihnen der Großindustrielle Günther Quandt und Franz Urbig von der Deutschen Bank. Für Urbig plante und baute der damals noch unbekannte Architekt Mies van der Rohe.

  Die nahen Filmstudios brachten die Stars nach Neubabelsberg: Heinz Rühmann, Anni Ondra, Brigitte Horney und Lilian Harvey sind nur einige von denen, die sich hier wohlfühlten. Lilian Harvey verließ die Villenkolonie und auch Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten - wie auch der jüdische Bankier Jacob Goldschmidt und der ebenfalls jüdische stellvertretende Ufa-Produktionschef Alfred Zeisler.

Villa Rökk
  Einst das Haus "der Rökk", heute soll Günther Lamprecht hier wohnen

  Aus der Villa Goldschmidt machten die Nazis eine "Reichsführerinnenschule" und in das Haus von Zeisler zog Marika Rökk ein. Diese Geschichten hat sich Frost in Archiven und aus alten Film-Zeitschriften angelesen. Sichtbar sind nur die ehrwürdigen, selten prunkvollen Bauten, manche mit inzwischen erblindeten Scheiben und schadhaften Verzierungen. Einige Gärten sind völlig verwildert, andere waren schon zu den Glanzzeiten des Viertels so angelegt, dass sie nicht zuviel Pflege benötigten.

  Erich Kästner arbeitete heimlich in Neubabelsberg, weiß Frost. Der mit Schreibverbot belegte Autor verfasste im Haus der mit ihm befreundeten Schauspielerin Brigitte Horney anonym das Drehbuch zu dem Kassenschlager "Münchhausen".

Brigitte Horneys Villa
  Auch heute noch vor Blicken geschützt: Brigitte Horneys damaliges Domizil

  Wieder andere tauchten hier ganz unter, wie der ehemalige Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer. Im Verlauf des "Röhm-Putsches" wurde der spätere Bundeskanzler verhaftet. Zur gleichen Zeit ermordete die SS den früheren Reichskanzler Kurt von Schleicher in seiner Villa.

Glanz von einst unter Schmuddelgrau verborgen

  Während aus der geschiedenen Frau des Großindustriellen Quandt Frau Goebbels wurde, plante einige Häuser weiter eine Gruppe von Persönlichkeiten das dann gescheiterte Stauffenberg-Attentat auf Hitler. Nach Kriegsende bezogen die Teilnehmer der Potsdamer Konferenz Quartier in dem stillen, scheinbar immergrünen Viertel. US-Präsident Truman gab aus der ehemaligen Villa des Verlegers Müller-Grothe den Befehl zum Einsatz der Atombombe gegen Japan. Das Haus bekam damals den Beinamen "Little White House". Ein kleiner Pfad führt von der Karl-Marx-Straße am Grundstück entlang und erlaubt ausnahmsweise einen Blick auf die Rückseite. Hinter dem schmuddeligen Grau ist der Glanz von einst zu erahnen, wenn auch der verwilderte Garten beim Betrachter eher die Vermutung weckt, er stünde vor Pippi Langstrumpfs "Villa Kunterbunt"

Little White House
  "Truman-Villa" oder "Villa Kunterbunt": Das ehemalige Anwesen von Verleger Müller-Grothe

  Auch Stalin nahm hier Quartier. Nach Ende der Konferenz blieb seine Rote Armee und zäunte das Viertel ein. Als sich 1952 die Sowjets zurückzogen, lag die Villenkolonie mitten im Grenzgebiet der DDR und durfte nur mit einem besonderen Ausweis betreten werden. Kindergärten und Behörden wurden angesiedelt, auch Einrichtungen des Ministeriums für Staatssicherheit. In elf Gebäude, darunter die Urbig-Villa, zog die staatliche Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" ein.

Hochschule für Film und Fernsehen
  Eine Tür von vielen zur Hochschule für Film und Fernsehen

  Angelika Domröse, die später am Schiller-Theater berühmt wurde, und Jutta Wachowiak, die sich während der Wende am "Runden Tisch" engagierte, erhielten hier ihre Ausbildung. Frost erzählt, dass "in den ersten Wirren der Wende die Filmhochschule umbenannt werden sollte, weil Konrad Wolf ein Bruder des DDR-Chefspions Mischa Wolf ist".

  Auch für Neubabelsberg gibt es - wie überall in der ehemaligen DDR - eine Flut von Anträgen auf Rückübertragung. Viele, die nach 1933 oder nach 1945 das Viertel verlassen haben, würden gerne zurückkommen, beziehungsweise begehren Kinder den Besitz ihrer Eltern.
  In einem kleinen gelben Eckhaus, irgendwo zwischen Schloss, S-Bahnhof und Studios wohnt heute der Schauspieler Günther Lamprecht. Die nahen Filmstudios, inzwischen zur Medienstadt gewachsen, sorgen immer noch für Zulauf. Bioscope, Ufa, DEFA, Medienstadt Babelsberg: Der Film hat hier, "gleich um die Ecke", eine lange Tradition. Seit 1911 wird in Potsdam-Babelsberg Filmgeschichte geschrieben.

Musikrevuen und Lehrfilme

  Die ersten Stummfilme wurden noch in Glashäusern gedreht, um das Sonnenlicht optimal auszunutzen. Die später entstandenen Studiohallen werden heute noch genutzt. Am Drehort Babelsberg entstanden Filme für nahezu jedes Genre. Kinodokumentationen wurden genauso produziert wie Musikrevuen und Lehrfilme - zunächst war es der "Bioscope Film", später die "Union Film AG" (Ufa), nach dem Krieg die DEFA. Fritz Langs monumentaler Klassiker "Metropolis" trieb die Produzenten fast in den finanziellen Ruin, "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich war einer der ersten Tonfilme außerhalb Amerikas.

Nach der Wende...

  Die Nationalsozialisten ließen in Babelsberg den antisemitischen Film "Jud Süß" drehen, an gleicher Stelle wurde Jahrzehnte später der "Polizeiruf 110" geboren. Wolfgang Staudtes hier gedrehter "Untertan" war einer der wenigen Ost-Filme, die auch in der Bundesrepublik Erfolg hatten.

  Die Geschichte spiegelte sich immer in den Produktionen wieder. Der letzte Einschnitt war die "Wende". Die 2.450 Mitarbeiter der Filmstadt standen fast im "Off". Neue Auftraggeber für den bis dahin ausgelasteten "Volkseigenen Betrieb" fehlten. In Bottrop und in München waren längst "Filmparks" entstanden. Neben den eigentlichen Studios gibt es dort Kinos, Erlebnistouren durch und hinter die Kulissen, Bühnen und Verleihfirmen haben ihren Sitz an der Quelle. Die Technik in den Babelsberger Studios war zwar nutzbar, verlangte aber doch nach Modernisierung.

...den Anschluss gefunden

  Heute haben die Studios den Anschluss gefunden. Selbstbewusst stellt sich die "Medienstadt Babelsberg" vor. Die über die Treuhand von dem französischen Konzern CGE erworbenen Studios produzieren wieder Filme, TV-Sender haben sich hier angesiedelt. Im Kino laufen eigene und fremde Premieren, in ausgedehnten Studiotouren können Besucher hinter die Kulissen sehen.

  Babelsberg verfügt inzwischen über das modernste Tonstudio Europas. "High-Tech" soll der Schlüssel sein, um in Babelsberg ein europäisches Filmzentrum entstehen zu lassen. Schwerpunkte wollen die Betreiber mit Aus- und Weiterbildung, Kinderfilmen sowie Ost-West-Produktionen setzen. Ein europäisches Digitalprojekt könnte unter Umständen in Babelsberg angesiedelt werden.


David Dahlke ~ April 1994
Den Villen am See widmet sich eine umfangreiche Fotostrecke unter www.havelinfo.de/villa.htm
   Die Villenkolonie Neubabelsberg ist nur ein Thema von vielen, zu dem PotsdamTourismus auf einen Rundgang einlädt.
  Appendix / Anhang

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  © April 2009 ·