ddahlke.de ·Momentaufnahmen ·Auswandererstadt Hamburg-Veddel


 Der Rest vom Tor zur Neuen Welt

  Auswandererstadt Hamburg-Veddel: Letztes Bauwerk verrottet

  Hamburg. Hat sich bei Ihnen ein Onkel aus Amerika gemeldet? Oder heißen Sie ähnlich wie jemand Berühmtes aus Hollywood? Zumindest wenn Ihr Urahn via Hamburg die Alte Welt verlassen haben soll, um jenseits des "Großen Teichs" das Glück zu suchen, haben Sie mit "Link to your roots" eine Chance Ihren Stammbaum um einige Zweige zu vervollständigen. Wenn Sie aber mal vor Ort schauen wollen, wo Ihr sich entfernter Verwandter die letzten Tage und Wochen vor der Überfahrt aufgehalten hat, werden Sie heute auf ein mehr noch wie damals eher trostloses Bild stoßen.

  "Link to your roots" ist ein Projekt, mit dem die Freie und Hansestadt Hamburg zumindest zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Die wertvollen Passagierlisten werden digital erfasst und somit vor Verfall und Zerstörung gesichert, die so entstehende Datenbank ist über das World Wide Web abrufbar und damit nahezu überall und zu jeder Zeit verfügbar. Darüber hinaus steht eine Handvoll behinderter Menschen bei dieser Arbeit sich qualifizierend in Lohn und Brot. Schon kurz nach Inbetriebnahme wurde das Projekt nicht nur mit Anfragen aus Übersee, Osteuropa und Deutschland überhäuft, sondern auch mit dem "Stockholm Challenge" prämiert.

  Doch während die Daten gepflegt werden, bis 2003 soll alles Material erfasst und abrufbar sein, rottet der letzte der steinernen Zeitzeugen auf der Veddel, einem Stadtteil zwischen den Elbarmen, Autobahn und Bahnstrecken, vor sich hin. Das Gebäude, ein sogenannter "Schlafpavillon" war über Jahrzehnte bis vergangenes Jahr eine renommierte Adresse für portugiesische Speisen, Trank und Tanz, und wurde daneben lange Zeit für Warenumschlag aller Art genutzt. 1996 wäre die letzte verbliebene "Auswandererhalle" fast abgerissen worden. Aufmerksame Lokalpolitiker verweigerten dem entsprechenden Bebauungsplan, und damit dem Abbruch die letzte, entscheidende Zustimmung.

Wind, Wetter und Vandalen

  Jetzt, wo die ehemalige Schlafstätte leer steht, fällt sie, gelegen neben einem Bundesstraßenzubringer und hinter einem Bahndamm, noch weniger auf. Langsam ergreifen Weinranken und Efeu Besitz, und verdecken die abblätternde Farbe auf den weiß getünchten Mauern. Ein Schutz ist das Grün nicht, Wind und Wetter fordern Tribut. Und erste Spuren von Vandalismus sind zu sehen.

Vorderansicht eines Flügels des Gebäudes
  Hier ist jetzt immer Ruhetag

  Der Blick von dem "U"-förmigen, eingeschossigen Gebäude aus schweift über eine Brachfläche, einst eine Tankstelle, einen meist zur Hälfte leeren "Park & Ride"-Platz mit Busbahnhof und trifft auf eine S-Bahn-Station, bis in die 1970er Jahre ein "richtiger" Bahnhof. Nahe dieser Haltestellen befindet sich heute eine Unterkunft für Asylsuchende, Auswanderung und Einwanderung symbolhaft nebeneinander. "Niemand wandert ohne Not aus, niemand wandert ohne Hoffnung aus. Auch heute noch sind Millionen unterwegs" bringt der Autor Gerd Fuchs in seinem auch diesen Fluchtpunkt streifenden Roman "Die Auswanderer" diesen Eindruck zu Papier. Und wie der verbliebene Schlafpavillon nur Teil eines inzwischen verschwundenen Ganzen ist, rund 30 Gebäude bildeten einst die Auswandererstadt, gehören die Bauten nebenan zu einem Netzwerk von Unterkünften und Einrichtungen für auf unterschiedlichen Wegen nach Hamburg und damit nach Deutschland kommende Menschen.

Eine Stadt vor der Stadt

  Ab 1900, damals vor den Toren der Stadt, ließ die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft hier nicht nur Unterkünfte für die Auswanderer bauen. Auch eine evangelische und eine katholische Kirche, für Juden und Christen getrennte Küchen und Speisesäle, eine Synagoge und ein Musikpavillon, sogar zwei Hotels für Auswanderer mit etwas mehr Geld ließ die HAPAG bauen. 1901, nach Abschluss der Bauarbeiten konnten hier 1000 Menschen untergebracht werden, nach einer Erweiterung in den Jahren 1906 und 1907 fünf Mal so viele.

Ansicht von der Straße
  Stummer Zeitzeuge am Veddeler Bogen

  Hamburgs Aufstieg als Auswanderungshafen begann weitaus früher, bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Schon im 18. Jahrhundert haben vereinzelte Schiffe nachweislich Auswanderer ins noch junge Amerika befördert. Lange Jahre aber war Bremen für Zehntausende die letzte Station in der Alten Welt. An der Elbe war man skeptisch gegenüber den auf Durchreise hoffenden Fremden. Man befürchtete, die Flüchtlinge würden in Mengen in der Stadt bleiben, Epedemien einschleppen und Unsitten einführen. So wie es in jenen Jahren in Amsterdam war, wo Tausende "gestrandet" waren. Der Aufschwung der bremischen Wirtschaft stimmte die Hamburger aber um, das Geschäft mit den Auswanderern wurde erlaubt und auch reguliert. Festgeschrieben wurden unter anderem wesentliche Elemente der Bedingungen für die Überfahrt, wie Platzbedarf und Verpflegung, die die Schiffseigner sicher zu stellen hatten.

Aufbruch in Auffanglager

  Die, die sich mit ihrer letzten Habe als Handgepäck in die Neue Welt aufmachten, kamen aus allen Teilen des Landes, später auch aus Ost- und Südosteuropa. Armut oder Verfolgung aus religiösen Gründen waren genauso Gründe für den Ausbruch wie soziales Scheitern, drohende Strafverfahren oder eben Aufbruchstimmung.

Der Schlafpavillon von hinten
  Rückansicht des Gebäudes

  Bis zum Bau von Sammelbaracken im Hafen und später der Anlagen auf der Veddel erwarteten die Auswanderer ihre Überfahrt in Logierhäusern und Missionen in der Stadt. Hier wurden die der örtlichen Gegebenheiten Unkundigen häufig und zunehmend Opfer von Wucherern, Räubern und Betrügern. Erst ein "Verein zum Schutze der Auswanderer" brachte Besserung, später wurde eine staatliche Stelle daraus, die "Deputation für das Auswandererwesen".

  Die Deputation kam so auch bald mit denen ins Gespräch, die maßgeblich an der Auswanderung verdienten - mit den Reedern. Mit dem erfolgreichsten Schiffseigner, Albert Ballin, einigten sich die Senatoren über die Auffanglager. Zunächst am Amerika-Kai, später über das Überseeheim auf der Veddel. Kostenlos bekam Ballins HAPAG dieses Gelände zur Verfügung gestellt, der geschäftstüchtige und für Hamburg wichtige Reeder hatte sich diesen Standortvorteil in harten Verhandlungen erkämpft.

  Bis zum Ersten Weltkrieg war die Auswandererstadt auf der Veddel ein Werbeträger für alle die an der Emigration verdienten. Agenten, heute würde man sie "Schlepper" nennen, warben im Auftrag ihrer hamburger oder amerikanischen Auftraggeber im gesamten Europa mit Bildern von der gut organisierten, sauberen und sicheren Ausreise in die Neue Welt. Auch in den 1920er Jahren erfüllten die Pavillons nochmal ihren Zweck. Ende der 1930er Jahre wurden die meisten Gebäude für den Bau einer Reichsstraße - sie heißt noch heute so und an ihrem Zubringer liegt dieses eine letzte Bauwerk - abgerissen und zunächst vergessen.

Historisches Potential erst spät endeckt

  Das Interesse für den historischen Flecken erwachte wieder in den 1990er Jahren. Noch zwanzig Jahre zuvor hatte die Kulturbehörde ausdrücklich kein Interesse an dem Thema, berichtet Udo Springborn, Ortsamtsleiter und einer von Hamburgs dienstältesten "Bürgermeistern". Erst nachdem in sprichwörtlich letzter Minute der Abriss verhindert war, kamen erste Ideen. Zumeist kleine Träger schlugen Konzepte vor. Offensichtlich zumindest was die Aussicht auf Realisierung angeht ebenso wenig aussichtsreich, wie die Vorschläge von Studierenden der Technischen Universitäten Darmstadt und München, die sich 2001 vor Ort umsahen. "Ziel des Entwurfes ist ein Konzept für die Neuordnung und Aufwertung des inzwischen sehr heruntergekommenen Ortes", leiteten die Studierenden ihre Pläne ein. "Das historische Potential des Ortes soll verbunden werden mit einer neu zu schaffenden Bedeutung für Kunst, Kultur und Wissenschaft", so lautete die Vorgabe.

  Seit Januar 2002 will die Handelskammer Hamburg nun über ihren Träger "Stiftung Hamburg Maritim" dem Rest vom Tor zur Neuen Welt ein neues Gesicht geben. "Hamburg Emigration Center - HEC" heißt das Konzept, für das Investoren und Sponsoren gesucht werden. Im HEC sieht die Handelskammer ein Pendant zum Einwanderermuseum Ellis Island in New York, das jährlich von mehr als 5 Millionen Menschen, soviel wie einst insgesamt über Hamburg Europa verließen, besucht wird. "Heute dürften rund 25 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Südamerika leben, deren Vorfahren das 'Tor zur Welt' durchschritten haben", schätzt die Handelskammer, und definiert damit auch die Zielgruppe, die das HEC ansprechen soll.

  "Eine Art Disneyland" sieht Francine Lammar, Leiterin des nahen Stadtteilladens und Quartiersentwicklerin hier entstehen und stellt den Nutzen für die Anwohner in Frage. Ebenso wie Springborn bedauert sie, dass eine sogenannte "kleine Lösung", wie sie vom Hamburger Beschäftigungsträger "einfal GmbH" entworfen wurde, nun auf Eis gelegt ist. Einen Bürgertreff mit anspruchsvoller Bewirtung, Kulturangebot und gleichzeitiger Würdigung der historischen Bedeutung von Gebäude und Areal hatte man sich hier vorgestellt und wurde von den Planungen für die "große Lösung" überrascht. Inzwischen ist man ein weiteres Mal überrascht, seit in der für den Stadtteil an den Elbbrücken zuständigen Bezirksfraktion der Antrag gestellt wurde, der Stiftung die Verantwortung nun wieder zu entziehen. Nach zehn weiteren Monaten öffentlichen Stillstands um das Projekt war man ungeduldig geworden, auch die Frage nach den Auswirkungen auf das Quartier wird jetzt wieder laut.

  Man ist sich nicht das erste Mal uneins. Schon im Frühjahr 1999 hatten die lokalen Sozialdemokraten verbreitet: "Es geht voran!" Die beschriebenen Gelder verschiedener Hamburger Behörden waren allerdings nur in Aussicht gestellt, die geschilderten Verwendungszwecke bestanden aus "könnte, sollte, würde, wenn". Aktiv wurde man allerdings ein Jahr später, als die lokalen Christdemokraten mit zum Großteil privaten Geldern auf dem Gelände einen Skulpturenpark mit einem Auswandererdenkmal errichten wollten. Das würde die Finanzierung anderer Konzepte verhindern, wurde erklärt. Es blieb bei Erklärungen.

Das Innere des Schlafpavillons
  Innenansicht eines Flügels

  Hinzu kamen allerdings neue Ideenträger: Hamburg hat sich um die Ausrichtung der Internationalen Gartenbauausstellung 2013 und die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2012 beworben. Für beide Ereignisse wäre auch die Veddel - Teil der sogenannten "Elbinsel" - Schauplatz. Zumindest in den Bewerbungsunterlagen für die "IGA auf den Inseln" wird das Ziel aufgegriffen, dass die Stadt im August 2000 festschrieb: Langfristig soll die letzte erhaltene Auswandererhalle restauriert und ein Auswanderermuseum errichtet werden.

  Noch sieht es aber so aus, wie es ein lokales Anzeigenblatt 1995 beschrieb: "Früher warteten hier Menschen aus ganz Europa auf die Abreise nach Amerika. Heute warten sie nur noch auf den nächsten Linienbus".


David Dahlke ~ Oktober 2002 - Photos 2002, 2003
Aus der Veddeler Ruine ist inzwischen eine Ausstellungsstätte geworden, die "Ballinstadt".
Dort lässt sich auch online in den Datenbanken zur Auswanderung über Hamburg recherchieren.
   Darüber hinaus bietet Link To Your Roots Hintergrundinfos zur Auswanderung über Hamburg und über das Konzept des Projekts.
   Auch Bremen hat eine Datensammlung zur Auswanderung im Netz.
   Viele alte Bilder von der Veddel hat Peter Pforr gesammelt und auf seiner Site www.alt-veddel.de ins Netz gestellt.
  Appendix / Anhang

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  © April 2008 ·